Demonstrationen in Cottbus: Wie der Streit um Zuwanderung eine Stadt spaltet

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Seit rund einem Jahr veranstaltet der Verein “Zukunft Heimat” in Cottbus Demonstrationen gegen Zuwanderung und offene Grenzen. Ähnlich wie bei den einstigen Pegida-Demonstrationen in Dresden finden sich dort jedes Mal mehr Teilnehmer ein. Besonderen Zulauf haben die Demos, seit dort in zwei Fällen junge Syrer Messerangriffe verübt haben sollen. So auch vergangenen Samstag. Es geht den Teilnehmern um ihre Stadt – Cottbus hat im Vergleich zu anderen Städten verhältnismäßig viele Flüchtlinge aufgenommen. Laut Oberbürgermeister Holger Kelch seien es bis Dezember 2017 rund 4300 Asylsuchende gewesen. Die Plakate der Rechtspopulisten auf der Demo machen die Wut deutlich: “Schnauze voll” und “Faxen dicke”. In zahlreichen Reden wurde Stimmung gegen Flüchtlinge macht.

Einer der Demonstranten bei den “Zukunft Heimat”-Demos ist Ullrich Böhm (76), der sich selbst als “besorgten Bürger” bezeichnet und als früherer CDU-Wähler mittlerweile der AfD seine Stimme gibt: “Ich gehe zu den Demonstrationen, um zu zeigen, dass ich mit der Asylpolitik nicht einverstanden bin. Nicht weil ich rechtsradikal oder ein Nazi bin“, so Böhm, der selbst als Redner bei den Veranstaltungen auftritt. Seiner Meinung nach würde ein Drittel der Cottbusser Bürger genauso denken: 33.000 Menschen.

Die Bereitschaft der aufgewiegelten Bürger zu Gewalt steigt. In der Neujahrsnacht drangen mehrere Personen in ein Asylbewerberheim im Stadtteil Sachsendorf ein und verletzten drei afghanische Flüchtlinge schwer. Während die Polizei öffentlich nach den Tätern fahndet, hat die Stadt auf die aufgeheizte Stimmung reagiert und einen Zuzugsstop für neue Asylbewerber nach Cottbus beschlossen. Auch laut Innenminister Karl-Heinz Schröter sollen im ersten Halbjahr 2018 keine weiteren Zuweisungen für Cottbus erfolgen. Zudem wurden die Polizeikräfte aufgestockt: Seit ein paar Wochen patrouillieren fast rund um die Uhr Streifen in der Cottbuser Innenstadt – und kontrollieren potentielle Aggressoren aus beiden Lagern.

Engagement für den Bürgerfrieden

Mohammed Scharr ist einer der Zugezogenen, die sich durch die aufgeheizte Stimmung in Cottbus nicht mehr sicher fühlen. Der 21-Jährige ist seit zwei Jahren anerkannter Flüchtling aus Damaskus. Dort sollte er zur Armee eingezogen werden und im Bürgerkrieg auf seine eigenen Landsleute schießen. Also floh er vor den Soldaten, die ihn holen sollten und das Haus seiner Familie zerstörten.

In Cottbus sei er in letzter Zeit mehrfach angepöbelt worden, einmal habe ihn ein Autofahrer sogar absichtlich angefahren, erzählt Mohammed: “Ich habe mein Fahrrad geschoben und jemand ist abgebogen und hat mich mit meinem Fahrrad getroffen. Und er hat sein Fenster aufgemacht und sagte ‘Scheiß Ausländer, verschwindet hier!’.”

Jetzt will Mohammed Scharr ein Zeichen für mehr gegenseitiges Verständnis setzen. Vergangenen Samstag organisierte er die Gegendemonstration zu den “Zukunft-Heimat”-Aufmärschen. Rund 1500 Asylbewerber, Ausländer und Deutsche zogen mit ihm gemeinsam durch die Stadt. Mohammed sagt: “Ich möchte den Menschen in Cottbus zeigen, dass wir keine Messerstecher, sondern nette Menschen sind, die sich integrieren möchten.”

Über die Lage in Cottbus und die Herausforderungen, vor denen Großstädte in der Flüchtlingsfrage generell stehen, sprach Steffen Hallaschka live mit Dr. Gerd Landsberg, dem Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, und Martin Patzelt, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Frankfurt (Oder):

Studiodebatte über Zuwanderungsstreit in Cottbus

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