M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: WM 2018: Es gibt kein richtiges Jubeln im falschen

0
46

Selten war es verkehrter, sich auf eine große Sportveranstaltung zu freuen als heute. Da ist die Meldung, dass Dopingexperte Hajo Seppelt wegen Sicherheitsbedenken nicht nach Russland reist, fast nur noch eine Randnotiz. Wirklich, es gibt objektiv keinen Anlass, den nächsten Lidl zu plündern, sich schwarzrotgolden anzumalen und den heimischen Balkon auf Cottbus-Niveau hochzuflaggen,

Wer nochmal so richtig in Stimmung kommen möchte, dem sei direkt das heutige Eröffnungsspiel empfohlen: Russland gegen Saudi Arabien. Das Sommerfest der Menschenrechte. Die schönste Begegnung seit Trump und Kim.

Wer nach dem Panini-Bild des Grauens mit Erdogan ernsthaft behauptet, der Fußball dürfe “sich nicht für politische Zwecke missbrauchen lassen”, hat die letzten 40 Jahre vermutlich auf einem Baum in Vanuatu gelebt.

kurzbio beisenherzSchon immer haben Diktatoren, Despoten, Tyrannen Weltmeisterschaften (und/oder Olympische Spiele) genutzt, um sich als gütige Landesväter zu präsentieren. Indirekt unterstützt von Fans, Funktionären oder Spielern wie zum Beispiel Berti Vogts, der in Argentinien 1978 “keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen” hatte. Was wenig überraschend ist. Wer mit Beton an den Beinen überm Meer abgeworfen wird, taucht danach relativ selten auf einem Trainingsgelände auf.

Heute präsentieren sich deutsche Nationalspieler lächelnd mit Autokraten wie Erdogan, die Ägypter um Mo Salah scharwenzeln dekorativ wie Corgies um den tschetschenischen Tyrannen Kadyrow (selbst für Putin so etwas wie Putin) herum – Kim Jong Un muss fast enttäuscht gewesen sein, dass ihm statt Messi nur ein schlecht gekämmter Orang Utan geschickt wurde. Der Kapitän der mexikanischen Nationalelf ist mutmaßlicher Geldwäscher der Drogenmafia und seine Teamkollegen nehmen ihn nur deshalb nicht ins Gebet, weil sie zu beschäftigt sind, sich bei ihren Frauen für eine Orgie mit 30 Prostituierten zu entschuldigen.

Es ist wirklich jämmerlich.  Dabei möchte man diesen Typen doch zujubeln. Immer vorne dabei, wenn es um moralische Erosion geht: Die FIFA, jener dubiose Verein, der dem IOC oder SPECTRE in nichts nachsteht und von dem man bei jeder Präsidentenwahl erwartet, es möge künftig transparenter und ehrlicher zugehen, bis man feststellt: Es wird immer schlimmer.

Aber was willst du auch von einer Organisation erwarten, die ein Turnier grundsätzlich nur an ein Land vergibt, das Steuerfreiheit garantiert und für die Moral eine verdammt schwache Währung ist?

Tollen Fußball? Spielen auch die Franzosen

micky-erdogan_12.30Wir lieben Fußball. Jau. Is richtig. Wofür tun wir uns das eigentlich an? Warum zittern und feiern wir mit einer Mannschaft, mit deren Akteuren uns eigentlich NICHTS verbindet? Außer der Nationalität vielleicht.

Ein im Grunde genommen sehr schwaches Argument, zu einer spezifischen Gruppe zu halten, wenn man genauer hinsieht. Im Italienurlaub macht man ja auch einen großen Bogen um die Mitgermanen. Warum also hier plötzlich die große Zuneigung? Wenn es der tolle Fußball ist, kann man ja auch mit den Franzosen fiebern.

Nur mit den wenigsten der Akteure, die da unten auf dem Feld agieren, würde man privat seine Zeit verbringen wollen. Mit denen, die ihnen von den Rängen zujubeln, übrigens auch. Mit denen, die sie auspfeifen, noch weniger.

Wie kann man Nestlé boykottieren und gleichzeitig DIESES Turnier schauen? Es gibt kein richtiges Jubeln im falschen. Und das Schlimmste daran: Sobald der Anpfiff ertönt, werde ich all das vergessen haben und nur noch gucken, gucken, gucken. Jubeln, schreien, zittern.

Fußball – eine Perle im Scheißhaufen

Aufregen wird mich höchstens noch, dass Jogi in der 70. Minute nicht Sané bringen kann – die Krim, Assad, die toten Regimekritiker habe ich zu dem Zeitpunkt längst vergessen. Hajo wer? Fußball. Ein unordentliches Gefühl. Wundervolle Irrationalität. Eine Perle im Scheißhaufen. War immer so, wird immer so sein. Ich bin schwach. Ich schäme mich. Bis Toni Kroos in den Winkel trifft. Dann bin ich wieder wer.

Fußball ist wie Sex. Macht am meisten Spaß, wenn der Kopf aus ist. Das Turnier boykottieren kann ich immer noch, wenn wir im Achtelfinale ausgeschieden sind. Dann aber mit Schwung!

Ach, wär ich doch bloß Curling-Fan.13-Russland WM Training Fans DFB-Elf

Read more on Source