Sie galt als «brandgefährlich» für Swiss und Co. Erdogan schiesst eigene Airline ab

0
450

Turkish Airlines fliegt mehr Länder an als alle anderen Fluglinien.

Turkish Airlines hätte das Potenzial, die europäische Luftfahrt zu dominieren. Ausgerechnet der Präsident macht ihr einen Strich durch die Rechnung.

Europa ist in Sorge wegen Recep Tayyip Erdogan (63). Der türkische Präsident provoziert und droht, wo er kann. Während sich die Politiker die Haare raufen, gibt es eine Branche, die sich diebisch über das türkische Gebaren freut: die Luftfahrtindustrie.

Denn: Solange in der Türkei Krise herrscht, wird Turkish Airlines, das potenziell mächtigste Luftfahrtunternehmen auf dem Kontinent, zurückgebunden.

 

Turkish ist der ganze Stolz von Erdogan. Der Staat besitzt fast die Hälfte des Unternehmens. Die Topkader der Airline sind aus den Reihen Erdogans. Derzeit wird in Istanbul ein neuer Mega-Flughafen gebaut, der nächstes Jahr eröffnet werden soll. 117 Länder fliegt Turkish an – so viele wie keine andere Airline.

«Wenn alles gut liefe, hätte Turkish ein Riesenpotenzial», sagt Airline-Experte Jens Flottau (45) zu SonntagsBlick. Das Land sei hervorragend gelegen, «zwischen Europa, Asien und Afrika». Perfekt, um ein interkontinentales Drehkreuz zu betreiben. Im Gegensatz zu den Golf-Airlines wie Emirates oder Qatar erreicht Turkish die europäischen Flughäfen mit Kurzstreckenmaschinen.

«Turkish ist brandgefährlich»

Redete man vor ein paar Jahren mit Luftfahrtexponenten, kam ihnen beim Namen Turkish Airlines das nackte Grauen. Auch heute sagen Swiss-Verantwortliche hinter vorgehaltener Hand: «Turkish ist brandgefährlich.»

Denn: Die Türken können guten Service mit Kampfpreisen verbinden. «Oft sind Flüge von Europa an die Ostküste der USA am günstigsten über Istanbul», sagt Experte Jens Flottau. In der Schweiz fliegt Turkish nach Zürich, Genf und Basel. Traditionelle Airlines wie die Swiss, sogenannte «Legacy Carrier», verdienen ihr Geld eigentlich nur noch auf der Langstrecke. Innerhalb von Europa lässt sich in Zeiten von Easyjet, Ryanair, Norwegian und all den anderen Billig-Airlines kaum noch Profit erzielen.

Anfänglich unterschätzt

Umso allergischer reagieren Swiss und Co., wenn sie auf der Langstrecke angegriffen werden. «In der Vergangenheit hat Turkish den Europäern sehr wehgetan. Lufthansa wollte anfänglich kooperieren, hat Turkish aber unterschätzt», so Flottau.

Obwohl Turkish mit der Swiss und Lufthansa innerhalb der Star Alliance zusammenarbeitet, wurden die Kooperationsprogramme wieder heruntergefahren. Jetzt aber ist Turkish brutal geschwächt. Die politische Krise und die Terroranschläge haben zu einem Einbruch bei den Passagierzahlen geführt.

«Die Luftfahrtindustrie reagiert extrem auf externe Schocks», so Andreas Wittmer (43), Luftfahrtexperte an der Uni St. Gallen. Operativ flog Turkish letztes Jahr einen Verlust von 238 Millionen Franken ein. Der CEO musste gehen. Die Flotte wird verkleinert.

Die Ironie: Obwohl Turkish Airlines ein Lieblingskind von Staatschef Erdogan ist, schadet seine Politik dem Unternehmen nachhaltig. Ob sie sich erholen kann, ist ungewiss. Experte Flottau: «Ich sehe Turkish auf mittlere Frist massiv geschwächt.»

Read more on Source