Deutschlands Drogenbrennpunkt: Junkies, Dealer, Kriminalität: Stadt bleibt bei Frankfurter Bahnhofsviertel machtlos

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Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist weit über die Stadtgrenzen hinweg berüchtigt: Drogen und Kriminalität sind dort an der Tagesordnung. Und doch fühlt sich die Polizei weitgehend machtlos im Kampf gegen Dealer und Junkies. Menschen, die auf offener Straße Crack rauchen und Heroin spritzen; Dealer, die mitten am Tag Drogen verkaufen; illegale Prostitution und Gewalt.

Bestimmte Ecken Frankfurts waren schon Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre Zentrum von Drogenkonsum und -handel, die Stadt wurde von billigem Heroin regelrecht überschwemmt. Mittlerweile wird die Droge überwiegend in Form von Crack geraucht, mitten auf der Straße, zwischen Hauptbahnhof, Hotels und Wolkenkratzern der Großkonzerne. Damit einher gehen Dealerei, zugedröhnte Konsumenten, Dreck, Müll, Fäkalien und Kriminalität. Im November hatte stern TV ausführlich über die Lage im Frankfurter Bahnhofsviertel berichtet,mit verzweifelten Anwohnern, Angestellten und Sozialarbeitern gesprochen – und die Frage gestellt: Was muss politisch in der Stadt passieren, um die Lage in den Griff zu bekommen?

Gewalt und Körperverletzungen nehmen zu

Erst vergangene Woche hatte die Polizei in Frankfurt eine Großrazzia mit 300 Beamten durchgeführt, eigenen Angaben zufolge mit “sehr großem Erfolg”. Es seien im Wesentlichen elf Objekte durchsucht worden. Es seien zahlreiche Personen festgenommen und große Mengen Rauschgift sichergestellt worden, heißt es in einer Pressemitteilung: Insgesamt seien knapp 60.000 Euro Bargeld, 10.000 Euro Falschgeld, 25 Kilo Heroin, sowie kiloweise andere Drogen wie Kokain und Crack sowie Waffen beschlagnahmt worden.

Sind diese Maßnahmen aber wirksam, wenn es darum geht, die Szene aus dem Bahnhofsviertel zu vertreiben, die Drogenkriminalität einzudämmen? stern TV hat sich zwei Tage nach der Razzia erneut in den berüchtigten Ecken Frankfurts umgesehen. Dort trafen wir unter anderem den Geschäftsmann Frank Höfler, der in dem Viertel einen Laden betreibt – und der bereits vor einem halben Jahr dabei war, als das Kamerateam von Drogenabhängigen bedroht wurde. Er selbst hat mittlerweile einen privaten Sicherheitsdienst engagiert, der Junkies und Dealer von seinem Geschäft fernhalten soll. “Unser Sicherheitssystem endet hier am Tor”, zeigt Frank Höfler. “und ein Stückchen weiter, wo die Hausbesitzer und Betriebe niemanden haben, der sich drum kümmert, da werden die Ansammlungen der Junkies schon wieder größer. Da sollte man auch nicht hingehen.”

Vor Höflers Laden steht Sicherheitsmann Safak Kusanir, der bei mehreren Geschäften im Viertel hilft, wenn es mal Ärger gibt. Gewalt gehört in den Straßen hinter dem Hauptbahnhof zur Tagesordnung. Als das stern TV-Team in einer Straße auf Junkies trifft, wird die Stimmung langsam aggressiv. Einer von ihnen hat ein Klapp-Messer neben sich liegen, mit dem er uns plötzlich attackiert. Safak Kusanir und unser Begleitschutz haben die Lage dieses Mal schnell wieder beruhigt. Doch die Gewalt nimmt laut Statistik weiter zu:  Die Zahl der Straftaten ist seit 2015 massiv gestiegen von 8269 auf 9756 im Jahr 2017. Auch registrierte Fälle von Körperverletzung werden mehr.

Razzien vor allem wirkungslos gegen Drogenhandel und -konsum

Frankfurt wurde einst bekannt dadurch, dass die Stadt in der Hochphase des Heroinkonsums in den 80er und 90er Jahren den “Frankfurter Weg” ging: Es wurden so genannte Konsumräume eingerichtet, in denen Junkies ihre Drogen legal nehmen konnten. Die Zahl der Todesfälle sank dadurch.

Heute halten sich viele Dealer und Abhängige vor den Konsumräumen auf, insbesondere wenn das Wetter es zulässt. Im Stundentakt gibt es Polizeieinsätze – wie bei unserem letzten Besuch im November 2017.

Die Razzia am vergangenen Samstag, bei der elf Dealer festgenommen wurden, habe nichts gebracht, erzählt eine junge Frau: Sie heißt Sandra und ist seit 20 Jahren süchtig. Der Drogenhandel würde einfach weitergehen. “Die waren weg und es ging ganz normal los. Wir haben Ecken gehabt, wo wir kaufen konnten. Die standen da und wir haben trotzdem Ecken gehabt, wo wir kaufen konnten. Die werden niemals die dicken Fische kriegen.” Um sich selbst die Drogen leisten zu können geht Sandra illegale Wege, sie müsse “klauen gehen”, gibt sie offen zu. Um ihre These zu untermauern, zeigt sie, wie einfach es weiterhin ist, an Drogen zu kommen. Zehn Minuten später ist sie wieder da: “Ging ganz einfach, habe die Drogen trotzdem bekommen, trotz der Razzia!”

Ulrich Mattner kennt die Probleme im Bahnhofsviertel ganz genau. Er lebt seit neun Jahren dort. Der 60-Jährige veranstaltet regelmäßig Führungen für Touristen, in denen es auch um die Schattenseiten des Viertels geht. Vor drei Jahren sei die Kriminalität explodiert, so Mattner: “Mit der Flüchtlingswelle kamen halt nicht nur Flüchtlinge. Sondern die Grenzen waren offen. Und so kamen viele aus Maghreb, Algerien, Marokko, Tunesien und aus anderen Ländern, die hier einfach Geschäfte machen.” Besonders für Frauen sei es in diesen Straßen gefährlich: Sie würden angesprochen, mit Blicken verfolgt, fühlten sich bedroht – obwohl die Frauen zum Teil schon 10 oder 20 Jahre dort wohnten.  

Ulrich Mattner, auch Journalist und Fotograf, hat eine ungewöhnliche Idee, wie man den Drogenhandel stoppen könnte: Die Junkies sollen das Rauschgift – wie Heroin und Crack – vom Staat bekommen. So würde man sie von der Straße holen und das Geschäft der Dealer trocken legen. “Wir haben seit 30 Jahren diese Situation hier. Wir haben seit 30 Jahren repressive Mittel der Polizei, indem versucht wird, den Markt trocken zu legen. Das gelingt der Polizei aber nicht, es tut sich einfach gar nichts. Mein Ansatz ist: Mal was anderes zu probieren.” Laut Statistik steigt der Handel und Schmuggel mit Drogen im Bahnhofsviertel kontinuierlich. 2015 waren es 214 Fälle, 2017 bereits 530 Fälle. Der enorme Anstieg liegt aber auch daran, dass durch Polizei-Kontrollen mehr Fälle aufgenommen werden. Das alleine nützt aber nichts.

Das stern TV-Team hat an diesem Tag im Frankfurter Bahnhofsviertel einige fragwürdige Szenen beobachtet: hemmungsloser Drogenkonsum auf offener Straße,die Gewaltbereitschaft ist unverändert, Dealer verkaufen ohne Skrupel ihre Drogen. Trotz massiver Präsenz der Polizei es ist alles wie gehabt.

Frankfurter Bahnhofsviertel 13.52

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