Behandlung von Zwangsstörung: War die stationäre Therapie bei Hanka Rackwitz erfolgreich?

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Inzwischen liegen hinter Hanka Rackwitz zehn Wochen Therapie in der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee. Die TV-Maklerin stellte sich ihren Zwangsstörungen in einer so genannten Konfrontationstherapie. Das bedeutet: Hanka Rackwitz musste in der Klinik Dinge berühren, vor denen sie bisher panische Angst hatte, wie Lichtschalter, Aufzugknöpfe oder sogar ihre Gummistiefel. Für die Zwangskranke der blanke Horror – vor allem, weil sie sich danach nicht die Hände waschen durfte. „Es ging mir dabei so übel! Ich hab mein ganzes Leben in Frage gestellt. Ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich denken sollte.“

Erste kleine Erfolge nach vier Wochen

Die ersten Tage gestalteten sich besonders schwierig für Hanka Rackwitz. Getreu ihrer Zwänge putze und wienerte sie ihr Klinik-Zimmer. Immer mit dabei: Ihr Küchendesinfektionsmittel. Für ihre Unterhosen schuf sie eine Hyper-Hygienezone im Badezimmer, der bei ihr als der sicherste Ort einer Wohnung gilt. Doch viele Dinge konnte sie zunächst weiterhin nicht berühren, ihre Füße durften keinesfalls Kontakt mit dem Fußboden bekommen, zur Betätigung der Lichtschalter benutze sie – wie eh und je – ein Hilfsmittel.

Leben mit Zwängen 16.00Vier Wochen später: Der eng getaktete Therapie-Alltag zeigte erste Wirkungen. Hanka konnte ihren Therapeuten per Handschlag begrüßen. Als es in einer Achtsamkeits-Übung darum ging, sich auf eine der Bodenmatten zu setzen, flammten allerdings alte Ängste auf. Bisher war es für Hanka Rackwitz undenkbar, mit dem vermeintlich verkeimten Boden in Kontakt zu kommen. Noch immer konnte sie ihre Schuhe beim Ausziehen nicht selbst anfassen, sondern lediglich mit einem Hilfsmittel abstreifen. Doch sie blieb tapfer.

Hanka Rackwitz macht Therapie 18.15″Ich habe das Gefühl, dass ich es nie schaffe“

Die 48-Jährige leidet seit 27 Jahren an Zwängen. Ihre Teilnehme im Dschungelcamp 2017 hatte leise Hoffnungen aufkommen lassen, dass sie ihre Ängste würde überwinden können. Doch schon im Februar blieben Experten skeptisch: Bei Zwangserkrankungen kehren die Zwangshandlungen im normalen Alltag meist wieder zurück, manchmal schlimmer als zuvor. stern TV hatte genau das beim Besuch von Hanka Rackwitz in Mücheln vor ihrem Therapieantritt festgestellt: Sicherungsrituale, Waschzwang, Panikattacken – alles vor laufender Kamera. „Ich habe das Gefühl, dass ich es nie schaffe. Wie soll ich denn dort zurechtkommen? Im Hotelzimmer ist es ja immer in Ordnung, da bin ich immer nur zwei oder drei Tage. Aber dort muss ich Wochen bleiben, wo andere Menschen sind…!“, so Hanka Rackwitz noch vor ihrer Abreise.

Ängste_FAQ und Info (stern Gesund)Die einfachsten Dinge wieder können

Die ersten Wochen in der Klinik Roseneck am Chiemsee brachten jedoch tatsächlich erste Erfolge, erzählt Hanka Rackwitz: „Ich scanne seit Jahrzehnten alles um mich herum: den Fußboden, wenn ich laufe, jeden Schritt, meinen Arm, wohin ich den tue, jede Armlehne, in der Gaststätte gucke ich, wo Flecken sind – und so weiter. Das passiert ganz automatisch.“ Das sei inzwischen nicht mehr ganz so extrem. Hanka konnte sich in ihrem Klinik-Zimmer schon weit freier bewegen, als noch am ersten Tag: den Lichtschalter ohne Handschuh berühren, die Unterhosen im Schrank… „Durch die ganzen Zwangshandlungen erniedrigt man sich so furchtbar“, so ihre Erkenntnis im Videotagebuch, das sie für stern TV führte. „Auch wenn man glaubt, man kommt schon irgendwie zurecht, man fühlt sich ja doch erbärmlich, wenn man die einfachsten Dinge nicht mehr kann. Und ich kann sie langsam wieder – und das macht mich unwahrscheinlich stolz!“

Trauer über die Zeit, die man verschwendet hat

Während der Konfrontationstherapie sollte Hanka nicht gegen ihre Zwangsgedanken ankämpfen, sondern sie zulassen und abwarten, bis sie abebben. Tatsächlich machte sie stets an dem Punkt weiter, als die Panik nachließ.  Die Regel: Niemals einen Schritt zurück machen! Was einmal gelernt ist, musste erhalten bleiben. Und so lernte die zwangskranke Hanka unter Zittern, ihre Gummistiefel – die in ihrer Welt stark von außen kontaminiert sind – mit bloßen Händen selbst an- und auszuziehen. Und Hanka Rackwitz kam ihrem Ziel immer ein kleines Stückchen näher. „Dann habe ich gemerkt, dass die neue Freiheit etwas Schönes ist“, erzählt die TV-Maklerin. Allerdings habe das auch Trauer in ihr ausgelöst: „Da war auf der einen Seite dieses ‚Juchuuu, die Freiheit wartet!‘, und auf der anderen Seite der schlimmste Moment, weil eine unendliche Trauer aufkam. Die Frage: Was habe ich mir all die Jahre angetan? Und die Trauer über die Zeit, die ich damit verschwendet habe. Das war schon bitter, sehr sehr bitter.“

Hanka machte sich auch Sorgen darüber, wie es sein würde, wenn sie wieder nach Hause kommt. In der Klinik kennt man dieses Problem. Um vorzubeugen war Hanka Rackwitz kurz vor Ende der Therapie mit ihrem Therapeuten nach Mücheln zu sich in die Wohnung gereist, um dort eine so genannte Heim-Exposition zu machen. Es zeigte sich: Hankas Zwangshandlungen sind zwar stark reduziert, doch geheilt ist die 48-Jährige noch nicht. Es gäbe noch einen Kernzwang, eine Grundangst, meint sie.

Zehn Wochen stationäre Therapie haben Hanka Rackwitz jedoch weit gebracht – im Herbst möchte sie noch einmal in die Schön Klinik nach Prien kommen.

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