Rapper Disarstar: Er ist ein stabiler Proll, aber auch ein stabiles Vorbild für Jugendliche

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Ein paar Minuten, bevor die Show los geht, tigert Disarstar durch seinen winzigen Backstageraum, hin und her, hin und her. Ist das cool mit der Ansage, was meinste, fragt er. Ist es überhaupt voll, fragt er. Könnt ihr mal bitte noch ein paar Minuten Ruhe geben, ich will nicht böse sein, aber ich muss da gleich raus, sagt er.

Es ist Freitag, der letzte im März, seit heute steht Disarstars neues Album in den Läden: „Minus x Minus = Plus“.

Kaufen die Leute das Album? Finden sie es gut?

„Releasetag“ nennt man das, und für Musiker kommt Releasetag in der Rangordnung der Feiertage weit vor Geburtstag und/oder Weihnachten und/oder allen anderen Feiertagen. Einerseits. Andererseits: Ein paar Jahre seit dem letzten Album, ein paar Monate seit dem letzten Auftritt. Die Erwartungen sind groß, vom Umfeld, von der Szene, vor allem an sich selbst. Kaufen die Leute das Album? Finden sie es gut? Sind heute Abend überhaupt Leute da?

Was für Easy Listening

Das is‘ frischer Wind

Das ist Disarstar, der Krieger

der euch Spinner auf die Schippe nimmt

Das hier ist kein Mittelding

Das ist Rap der nach Gewichten klingt

Lalalalalalala

(„Frischer Wind“)

Ein paar Stunden vor dem Auftritt steht Disarstar auf einem Balkon in Berlins Süden. Er ist eben aus Hamburg gekommen, mit seinem Manager Nico und seinem Drummer André. Gleich muss er ein Radio-Interview geben, das aufgenommen und Sonntag ausgestrahlt wird. Da können die zum Glück schneiden, wenn ich Scheiß rede, sagt er.Xatar Interview 1222Hinter ihm liegen Wochen der Promo, die in der Rapszene im Jahr 2017 vor allem daraus besteht, Interviews für Youtube-Kanäle zu geben. Vor ihm liegt die Tour. Sie ist die erste. Punkt. Beim letzten Album hat Disarstar das Tourding irgendwie verschlafen, so sagt er das. Klar, er hatte Auftritte. Aber halt keine eigene Tour. Man merkt ihm an, dass er sich vor allem darauf freut. Nebenbei sind die Konzerte auf der Tour aber auch die ersten, die Disarstar mit Schlagzeuger spielen wird. Sie haben gestern das erste Mal geprobt. Wobei das erste Mal proben heißt: Er und der Drummer haben jedes Lied kurz angespielt plus Refrain. Der Soundcheck am Abend ist das zweite Mal, aber nur vier Lieder, kurz anspielen, plus Refrain, muss schnell gehen. Heute Abend also das erste Mal zusammen auf der Bühne. Nervös?

Der Drummer jedenfalls nicht, der hat schon viel größere Shows gespielt, und außerdem schon wahrscheinlich tausende, und nebenbei ist Rap für einen Drummer jetzt auch nicht gerade die Abschlussprüfung der Masterclass. Disarstar ist schon aufgeregt, aber nicht wegen des Drummers. Eher so überhaupt.

Ich mach‘ nich so oder so, sonder so, Digga, todsicher

Mit ’nem Album, das sich gewaschen hat wie Neurotiker

Rap wird komischer, statt Fackeln nur noch Strobolichter

und Schlagersänger auf Anabolika

(„Death Metal“) Disarstar_3

Neues Album, fetterer Sound, reifere Texte 

Zeit, erwachsen zu werden. Vielleicht könnte man so die Phase beschreiben, in der Disarstar sich gerade befindet. Neues Album auf dem Majorlabel, fetterer Sound, reifere, bessere Texte, Tour. Eine Releaseparty, auf der vor allem Leute herumstehen, die er nicht kennt. Klar ist er nervös. Aber Disarstar sagt, dass er auch bereit ist, diesen nächsten Schritt als Künstler zu machen. Bisher haftete ihm eher der Ruf des Straßengangsteruntergrundrappers (oder so) an. Wobei es bei ihm schon immer diesen Widerspruch gab: Aussehen versus Inhalt. Der Junge sieht aus wie ein stabiler Proll vom Kiez: dicker Bizeps, dicke Bomberjacke, Jogginghose, solariumbraun. Und rappt dann dauernd über Politik, ist in Interviews beeindruckend differenziert in seinen Ansichten, gut informiert, ausdrücklich antifaschistisch und kapitalismuskritisch. Dinge, die im Rap auf Deutsch sehr, sehr selten funktionieren. Bei ihm funktionieren sie. Meistens. Und das mit gerade 23.

Ich brauch‘ das neu’ste Handy seiner Zeit, für die Erreichbarkeit

Denn ich hab‘ Angst vorm Alleine sein

Ey, ich will täglich draußen essen und die Welt bereisen

Ich will mich selber finden, anstatt ich selbst zu bleiben

(„Konsum“ feat. Tua)

sido-stern 8.15Eine Stunde vor seinem Auftritt geht Disarstar noch mal kurz was essen, dann ins Hotel. Er hat schon Teesy auf der Straße getroffen, einen Berliner Musiker, mit dem Disarstar mal ein Feature gemacht hat. Man kennt sich, man schätzt sich, man gibt sich Komplimente. Ein paar Minuten später lief ihm auch Marcus Staiger über den Weg. Staiger ist sozusagen ein Ur-Deutschrap-Journalist in Deutschland. Man kennt sich, man schätzt sich, man gibt sich Komplimente. Wobei das Lob am neuen Album ehrlich daher kommt. Man merkt Disarstar an, dass er sich darüber aufrichtig freut. Ihm ist die Kritik wichtig. Er hat am Anfang des Tages auch konstant die Kommentare zum Album gecheckt. Bisher nur Positives gelesen, sagte er da.

Auf Amazon: 23 mal fünf Sterne, ein mal zwei Sterne.

Die Kommentare: Brett! Sehr stark! Erwartungen übertroffen! Deutschrapgigant! Deutschraps Ehrenmann!

Dann hat er irgendwann das Handy weg gepackt, weil es ihn doch nervös gemacht hat. Wer weiß, was da noch kommt. Vielleicht kippt ja die Stimmung, oder so.

Mein Onkel sagt, Gerrit, du erinnerst mich an den jungen Werther

Nicht erst seit gestern, damals warst du nicht unbeschwerter

Du musst fragen und herausfinden, wofür du lebst

Viele Bücher lesen und bereit sein, wenn ’ne Tür aufgeht

(„Per aspera ad astra feat. Mohammed Ali Malik“)

Auf dem Weg vom Hotel zum Veranstaltungsraum hat Disarstar seine Tasche dabei. Er will die Nacht nicht im Hotel verbringen, sondern noch zurück nach Hamburg fahren. Die Leute auf seiner Releaseparty kennt er eh nicht. Er will lieber am nächsten Abend mit den Kumpels feiern, wobei feiern heißt: Essen gehen. Gemeinsam rumhängen.

Eine Jugend mit Kokskarriere und Kleinkriminalität

Disarstar ist nicht so der Party-Typ. Er hat eine Jugend mit Kokskarriere hinter sich, inklusive Kleinkriminalität und Bewährungen. Heute trinkt er nicht und er nimmt keine Drogen mehr. Er geht stattdessen pumpen wie ein Wahnsinniger, und wenn man das Ketterauchen abzieht, könnte man sagen: Stabiler Proll, aber auch ein stabiles Vorbild für Jugendliche.

interview-fler, 20.45Disarstar könnte seine Tasche mit in den Backstageraum nehmen, aber da laufen so viele Leute rum, die er nicht kennt, das macht ihn unsicher. Der Manager sagt, er soll die Tasche ins Auto packen. Disarstar sagt, aber dann nur so, dass die niemand sieht, nicht dass irgendein Fan davon Wind bekommt und was Verrücktes tut. Disarstar hat so eine Art Fan-Club, die Souldiers. Es gibt eine Facebook-Gruppe, 963 Mitglieder. Ein paar davon sind richtig verrückt, sagt er, die projizieren Dinge in mich rein, keine Ahnung wo die das her haben. Als wäre ich ein Übermensch oder so. Die würden auch ein Auto aufbrechen, um an ein getragenes T-Shirt von mir zu kommen. Lieber nicht.

Deswegen wollte Disarstar auch ursprünglich mal seinen bürgerlichen Namen aus der Öffentlichkeit heraus halten. Was nicht funktionierte, weil vor ein paar Jahren eine Journalistin entgegen der Absprache den Namen in einem Artikel veröffentlicht hat. Seitdem ist er in der Welt. Die Souldiers nennen ihn seitdem nur noch Gerro und versuchen, den echten Disarstar in Hamburg zu finden.

Und hatte alle paar Monate genug

Für’n Sammelverfahr’n zusamm‘

Zu lange rastlos sein

Hier und da ’ne Nacht im Heim

Wenn ich rausflog

Bis das Amt mit dem Paragraph 1666 kam und ich auszog

Da war ich sechzehn

(„Minus x Minus = Plus“) 

Wenn man Disarstar etwas vorwerfen will, dann vielleicht, dass er ein Dreikäsehoch sein kann. Jedenfalls in seinen Raps. Politik in drei Strophen und einem Refrain ist immer… naja. Auf dem neuen Album hat Disarstar versucht, den erhobenen Zeigefinger los zu werden, indem er (meistens) von sich selbst rappt. Das funktioniert auch (meistens) gut. Es funktioniert noch besser, wenn man sich mit ihm darüber unterhält, und er sagt: Wenn du versuchst, ein Phänomen in einem Lied zu beschreiben, musst du zwangsläufig Teile der Wahrheit weg lassen. Einfach, weil kein Platz ist.

Als Kind war er reich, als Jugendlicher war er arm

Wenn man, das muss man sagen, mit ihm über Politik diskutiert, wird es nicht langweilig. Aber, das muss man auch sagen, der Grad zur (linken) Verschwörungstheorie ist bei ihm sehr, sehr schmal. Da ist viel von Revolutionen die Rede und der Möglichkeit, Gewalt zu nutzen um die Verhältnisse zu ändern, weil die parlamentarische Demokratie scheiße ist. Einfach so: Weil sie Scheiße ist. Weil die da oben sich die Taschen voll machen und so weiter. Man hört das und man denkt: Hmpf.

Aber dann diskutiert man weiter mit ihm, Disarstar hält lange Monologe über die Exegese der Demokratie oder die Notwendigkeit von Radikalität in einer Gesellschaft, und er sagt: Natürlich ist nichts, was ich sage, die endgültige Wahrheit. Wenn ich Zitate von mir sehe von vor zehn Jahren kriege ich das Kotzen. Vielleicht geht es mir in zehn Jahren auch so mit dem, was ich heute sage. Ich will für mich in Anspruch nehmen, mich zu entwickeln, und mir auch selbst zu wiedersprechen, wenn ich mich entwickelt habe.

Disarstar möchte hier nicht exakt beschrieben sehen, wo genau das Politische bei ihm herkommt. Nur so viel: Als er ein Kind war, war seine Familie reich, als er ein Jugendlicher war, war sie arm. Dazwischen sind Dinge passiert, die dazu führen, dass man sich fragt, was eigentlich los ist in der Welt. So sagt er das.

Jetzt macht er neben der Musik noch sein Abi nach, Abendschule, an seinem Releasetag hätte er eigentlich Unterricht bis in den Abend hinein. Er sagt, dass er dauernd neuen Input braucht, weil nur Rap machen und mit Rappern rumhängen, da wird man doof. Kann aber sein, dass er das Jahr wiederholen muss, wegen zu vieler Fehlstunden. Wenn das Album zu gut läuft.

Ey, ich steh‘ für das, was ich sag‘

Bis das Flüchtlingsboot im Yachthafen parkt

Keine Macht für kein‘, Krieg dem Machtapparat

Gegen Kapital, Staat und Patriarchat

Hashtag: ProHomo, Best-Rap: pro bono

Für besorgte Bürger ’n paar Fakten parat

(„Mucke“) 

Auf und ab, auf und ab. Backstageraum. Disarstar hält eine Wasserflasche in der Hand wie ein Mikrofon, nicht zwischen den Fingern, sondern in der Faust. Seine Lippen formen schon mal Raps. Blick in den Spiegel. Mach dich mal gerade. Passt. Kann losgehen. Der Saal ist voll.05-Drive-by-Shooting: Mord an Rapper Tupac aufgeklärt?-5385879577001

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