Kronzeuge vor Gericht: Darum kommt ein krimineller Satudarah-Rocker mit einer Bewährungsstrafe davon

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Zwei Jahre Haft auf Bewährung – wegen umfangreicher Drogen- und Waffengeschäfte – sind ein mildes Urteil, das am Montagabend in Düsseldorf gegen Christian J. erging. Der ehemalige Rocker war jahrelang Mitglied des inzwischen in Deutschland verbotenen Satudarah MC. Im Prozess hatte er zugegeben, unter anderem im Besitz großer Mengen Kokain und Marihuana gewesen zu sein. Für Drogengeschäfte in dieser Größenordnung sei es die mit Abstand geringste Strafe, die ein Richter in Nordrhein-Westfalen je verhängt hätte, hieß es in der Urteilsbegründung.

In der Vergangenheit hatte er als Kronzeuge dafür gesorgt, dass untern anderem der ehemalige Chef des Clubs, Yildiray Kaymaz alias Ali Osman zu mehr als sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Zudem soll Christian J. ein V-Mann der Polizei gewesen sein. „Die Kammer hatte zugunsten des Angeklagten massiv zu berücksichtigen, dass er Aufklärungshilfe geleistet, das heißt, dass seine Informationen, die er der Polizei gegeben hat, dazu geführt haben, dass andere Täter verurteilt werden konnten“, erläutert Dr. Matthias Breidenstein vom Landgericht Duisburg. Christian J. kommt also nicht in Haft.

Ex-Chef der Satudarah schiebt Drogen- und Waffengeschäfte Christian J. in die Schuhe

Die Geschichte begann vor vier Jahren, als stern TV bereits über den Satudarah MC berichtete. Damals äußerten sich einige Mitglieder zu Vorwürfen krimineller Machenschaften live in der Sendung, zeigten Unverständnis über die Berichterstattung und sprachen von Motorradfahren, von „Freundschaft, Brüderlichkeit und Zusammenarbeit“ als Motive ihres Clubs. Einer der Sprecher, Jan Sander sitzt inzwischen wegen räuberischer Erpressung im Gefängnis. Strafmaß: achteinhalb Jahre. Auch Ali Osman, der Präsident der deutschen Satudarah, äußerte sich: „Was liegt gegen uns vor, dass man uns in den Medien dämonisiert?“, frage er. Damals saß er bei stern TV neben Christian J. – und ahnte wohl noch nicht, dass J. ein Informant der Polizei war. Mittlerweile ist auch Ali Osman eingewandert: Sieben Jahre und drei Monate wegen Drogenhandel, Beihilfe zur unerlaubten Einfuhr von Kriegswaffen und räuberischer Erpressung. Spezialkräfte hatten Osman im April 2013 in seinem Haus festgenommen und eine Kalaschnikow sowie eine Walther PP 99 sichergestellt. Seitdem ist er inhaftiert.

Rockerclubs in Deutschland Hells Angels, Bandidos, Satuda… (2086591)Die Taten, für die er verurteilt wurde, stünden in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit, meinte Osman in einem Gefängnis-Interview mit stern TV vor drei Jahren. Osman behauptete damals, nicht er als Chef des Clubs sei für Drogen- und Waffendeals verantwortlich gewesen, sondern Christian J., als V-Mann der Polizei: „Der Christian hatte sich ganz normal verhalten. Der hat sich in nichts eingemischt. Und dann schlagartig fing das an, dass er sich in Aktivitäten begeben hat, Sachen initiiert und eingefädelt hat“, so der ehemalige Satudarah-Präsident. Osman erklärte die Rolle von Christian J. in der Organisation so: „Der war Sergeant at Arms. Der ist für die Sicherheit des Klubs zuständig und entscheidet, was mit Waffen zu tun hat oder Strategien oder so.“ Er als Präsident habe in Gefahrensituationen nichts zu sagen gehabt. Der ehemalige Rocker-Chef beschuldigte nicht nur Christian J., sondern auch die Strafverfolgungsbehörden: „Ich habe jetzt keine 100-prozentigen Beweise, aber alles spricht dafür, dass der Mann von der Polizei gesteuert wurde. Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass der Mann zig Straftaten begeht, schwere Straftaten einfädelt, und die Polizei nichts davon weiß.“

„Ohne V-Mann wären wir taub und blind“

Fest steht: Christian J. als so genannter „Sergeant at Arms“ war „Waffenmeister“ des Clubs. Zuvor hat er in der Fremdenlegion gedient und soll sich danach mit Betrügereien und Drogendeals finanziert haben.
Inzwischen gilt Christian J. unter den im Untergrund weiterhin aktiven Mitgliedern des Satudarah MC als „out in bad standing“ – der schlimmste Status von allen. Als Kronzeuge wurde er damit sozusagen zum „Abschuss“ freigegeben. Immerhin wurde auch durch seine Aussagen der Club mittlerweile bundesweit verboten.
Aus Sorge vor Mordversuchen wurde Christian J.s Prozess am Montag in den Hochsicherheitsbereich des Gerichts verlegt. Prozessbeobachter mussten sich strengen Kontrollen unterziehen, Mobiltelefone waren sogar komplett untersagt.
Dass ein Ex-Satudarah-Anhänger offen als Kronzeuge auspackt, wertet Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter als großen Erfolg im Kampf gegen die Rockerclubs: „Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit mit einem V-Mann einer der wichtigsten Bestandteile der Verbrechensbekämpfung bezüglich der organisierten Kriminalität“, erklärt Fiedler und ergänzt: „Ein V-Mann kann von uns finanziell entlohnt werden und genießt einen speziellen Schutz. Dies ist nötig, weil in der Regel V-Männer an Leib und Leben gefährdet sind und wir dieses Instrument der Verbrechensbekämpfung unbedingt schützen müssen.“

Christian J. konnte nachgewiesen werden, dass auch er mindestens drei Kilogramm Marihuana und rund 800 Gramm Kokain besaß und zudem an der Einfuhr von Kriegswaffen beteiligt war. Das auffällig milde Strafmaß sei laut Sebastian Fiedler jedoch „absolut“ gerechtfertigt: „Wir müssen Anreize schaffen für V-Männer. Das ist wichtig, sonst können wir in diese abgeschlossenen Hierarchien der organisierten Kriminalität nicht eindringen, wir wären sonst taub und blind.“

Aber wie rekrutieren Ermittler einen Informanten aus der Führungsriege? Die Behörden hatten wohl etwas gegen Christian J. in der Hand und so wurde er zu einer Person, die nach einer behördlichen Definition, ohne einer Strafverfolgungsbehörde anzugehören, bereit ist, diese bei der Aufklärung von Straftaten auf längere Zeit vertraulich zu unterstützen und deren Identität grundsätzlich geheim gehalten wird.

Christian J. soll den Behörden monatelang über die Machenschaften Bericht erstattet haben, seine Situation war schon damals brandgefährlich. Selbst in internen Vermerken war nur von einem „Informant 01“ die Rede – ohne namentliche Nennung.

Seit dem Prozess am Montag ist nun klar: Christian J. besaß große Mengen an Drogen und war an der Beschaffung mehrerer Maschinenpistolen beteiligt. Inhaftiert wird er dafür aber nicht und lebt jetzt als freier Mann im Zeugenschutz. Durch seine Aussage konnte der Satudarah MC in Deutschland verboten, mehrere Mitglieder festgenommen und sogar Präsident Ali Osman inhaftiert werden. Für alle in Deutschland verhafteten Rocker des Satudarah MC sind insgesamt über 70 Jahre Haft zusammengekommen. 

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