Post-Chefin Susanne Ruoff (58): Die Post denkt schon an Uber-Morgen

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«Wer führt, muss selber in einer guten Balance sein» Susanne Ruoff (58)

Post-Chefin Susanne Ruoff (58) baut ihren Konzern radikal um. Die mächtigste Frau der Schweizer Wirtschaft wagt dabei den Spagat zwischen Tradition und digitaler Zukunft.

SonntagsBlick: Frau Ruoff, wer gestaltet Ihren Tag?
Susanne Ruoff:
Selbstverständlich gestalte ich meinen Tag selber. Aber es ist auch klar, dass sich meine Agenda den geschäftlichen Gegebenheiten anpassen muss. Das ist normal in einer solchen Position.

Was machen Sie, wenn Sie freihaben?
Leider habe ich keine Zeit, mich künstlerisch zu betätigen. Dafür gehe ich gern in die Natur und lasse mich inspirieren. Wenn man in einer Führungsposition ist, muss man in einer sehr guten Balance sein.

Sie haben 60’000 Mitarbeiter, sind die mächtigste Frau der Schweizer Wirtschaft. Was bedeutet Ihnen Macht?
Vor allem bedeutet sie Verantwortung für viele Arbeitsplätze. Das Beste für eine sozialverantwortliche Firma ist zu schauen, wie der Wandel geht und wo die Arbeitsplätze von morgen sind.

Wie gross ist Ihr Gestaltungsrahmen? Die Post scheint gefangen zwischen Service public und Marktwirtschaft.
Ich gebe die Richtung vor, innerhalb der politischen Rahmenbedingungen, der bundesrätlichen Ziele und der strategischen Leitplanken des Verwaltungsrates. Aber danach ist es wichtig, auch die Kreativität und die Motivation des einzelnen Mitarbeiters leben zu lassen.

Vor zehn Tagen gab die PostFinance bekannt, dass sie Negativzinsen für Privatkunden einführt. Wann sind die Normalsparer dran?
Das ist ein operativer Entscheid der PostFinance. Eine Guthabengebühr für Normalsparer ist zurzeit kein Thema. Die Finanzmärkte sind jedoch sehr, sehr schnell. Sollten sich die Marktverhältnisse wesentlich verändern, müsste PostFinance die Situation natürlich neu beurteilen.

Die PostFinance darf keine Hypotheken vergeben. Ist das etwas, das Sie einfordern?
PostFinance darf selbständig weder Hypotheken noch Kredite vergeben und kann im Gegensatz zu anderen Banken nicht von den höheren Margen im Kreditgeschäft profitieren. Gleichzeitig hat die PostFinance in der Vergangenheit stets einen Grossteil des Gewinns der Post ausgemacht. Das soll auch weiterhin so sein. Deshalb müssen wir uns anpassen und handeln.

Was muss konkret geschehen?
Wie es weitergeht, ist eine Entscheidung der Politik. Meine Aufgabe als Konzernleiterin der Post und Mitglied des Verwaltungsrates der PostFinance ist es, die Konsequenzen aufzuzeigen, die das Kreditverbot mit sich bringt. Aber es ist genauso unsere Aufgabe zu schauen, dass PostFinance auch in Zukunft profitabel arbeiten kann. Wenn es so weitergeht wie bisher, wird der operative Gewinn zurückgehen. Das sehen wir jetzt bereits.

Hat die Politik die Dringlichkeit erkannt?
Das liegt nicht in meinen Händen. Ich kann sagen, wie wir die Situation einschätzen, und die Konsequenzen aufzeigen. Aber am Schluss müssen wir innerhalb der Spielräume agieren, die wir haben.

PostFinance ist längst nicht das einzige Sorgenkind der Post.
Wir haben zwei grosse Herausforderungen: das Zinsumfeld und den digitalen Wandel mit sich verändernden Kundenbedürfnissen. Deshalb entwickeln wir auch unser Postnetz weiter und schaffen neue Dienstleistungen und Zugangsmöglichkeiten wie Postagenturen oder MyPost-24-Automaten. Frage: Wie viele Briefe schreiben Sie pro Tag?

Keinen mehr.
Sehen Sie! Es ist nicht die Post, die sich verändern will. Wenn kein Kunde mehr einen Brief schreibt, wie sollen wir dann rentabel sein?

Wie viele Briefe schreiben denn Sie noch pro Tag?
Ich schreibe schon noch ein, zwei Briefe pro Tag, auch geschäftlich natürlich. Privat schreibe ich vor allem zu Geburtstagen und Weihnachten. Aber damit kann die Post auch nicht überleben.

Und wie kann die Post überleben – durch die Schliessung von Poststellen? In Basel gibt es einen Aufschrei wegen der Hauptpost, die zugehen soll.
Ich verstehe den Protest der Menschen, aber Stillstand ist keine Option. Ohne Gewinn können wir uns nicht mehr weiterentwickeln und nicht mehr sozialverantwortlich handeln. Ausserdem ist in Basel noch kein definitiver Entscheid gefallen. Und wir haben Ende Oktober angekündigt, dass es künftig keine ersatzlosen Schliessungen von Poststellen mehr gibt.

Vor allem ältere Leute fürchten um den Service public, weil sie dann keine Einzahlungen mehr machen können.
Das ist ein Irrtum. Man kann in jeder Postagentur Einzahlungen machen.

Aber nicht in bar!
Nein. Bareinzahlungen sind aus Sicherheitsüberlegungen nicht möglich, das hat auch mit den hohen Anforderungen des Geldwäschereigesetzes zu tun. Mit allen Debitkarten sind Einzahlungen jedoch möglich. Und es gibt viele Alternativen: Man kann seine Einzahlungsscheine zum Beispiel per Brief an seine Bank schicken.

Die Post lagert viele Dienstleistungen aus. Am Sonntag kann man Pakete nach Hause geliefert bekommen, von einem Taxi …
Wir dürfen aufgrund des Arbeitsgesetzes am Sonntag unser Personal nicht für die Zustellung einsetzen. Deshalb machen wir das mit Taxiunternehmern, die für den Sonntag eine Arbeitsbewilligung haben.

Für den Kunden wäre es billiger, wenn ein Uber-Taxi liefern würde. Würden Sie auch mit solchen Unternehmen arbeiten?
Unsere Abklärungen beim Staatssekretariat für Wirtschaft haben gezeigt, dass wir die Sonntagszustellung aktuell einzig mit Taxifahrern umsetzen können. Wenn sich künftig neue Gelegenheiten ergeben sollten mit anderen Kurierdiensten, wird die Post diese prüfen.

Wo sind bei der Post die Arbeitsplätze von morgen?
Zum einen gibt uns das der gesetzliche Auftrag vor. Der Zusteller muss jeden Tag die immer zahlreicheren Briefkästen mit immer weniger Menge beliefern. Auf der anderen Seite braucht es immer mehr Daten- und ICT-Spezialisten. Wir werden laufend weitere Jobs kreieren in neuen Gebieten, die wir noch gar nicht kennen.

Beschäftigen Sie Zukunftsforscher?
Nein, wir haben eine Abteilung «Entwicklung und Innovation». Zusätzlich beobachten wir die Strategie mit Trendforschern. Und wir nutzen mit dem internen Ideenmanagement der Post das Potenzial, das im Wissen, Können und den Erfahrungen der Mitarbeiter steckt.

Sie haben zahlreiche Innovationen angestossen, etwa das selbstfahrende Postauto. Dann gab es einen Unfall …
Gott sei Dank, ist nichts Schlimmeres passiert. Wir müssen aus Fehlern lernen. Der Testbetrieb läuft ansonsten sehr gut und dauert bis Herbst 2017. Wir sind weltweit Pionier auf diesem Gebiet. Und haben Anfragen aus der ganzen Welt.

Warum scannt die Post Briefe nicht einfach und schickt sie elektronisch?
Genau das machen wir, aber wir werden Briefe ebenso noch lange physisch verarbeiten. Diesen September haben wir einen Relaunch des E-Post-Office gemacht, des Briefkastens im Internet. Es wird noch viel passieren in diesem Bereich. Wir können Ihre Briefe digitalisieren, damit Sie diese lesen können, wenn Sie zum Beispiel in den Ferien sind.

Wer öffnet den Brief?
Das ist eine Vertrauensabmachung. Der Kunde gibt uns die Erlaubnis, seine Post zu öffnen. Wir digitalisieren die eingehende Post schon heute für Geschäftskunden. Und es geht noch weiter: Man kann sie mithilfe von intelligenter Software kategorisieren und bearbeiten.

Wird die Post irgendwann gar keine Briefe mehr zustellen?
Nein. Wir werden aber dem Kunden die Wahl lassen. Es wird immer Menschen geben, die eher digital affin sind, und solche, die den traditionellen Brief bevorzugen.

Was ist die Post in zehn Jahren?
Sie wird Transporteur von Informationen, Geld, Waren und Personen bleiben. Aber die Art und Weise, wie wir das machen, wird sich verändern. Wir müssen den Wandel mitbestimmen, genug verdienen, um zu investieren. Wir bekommen keine Subventionen. Der Kunde schlussendlich zahlt den Lohn von uns allen.

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