Wo Schulen ihre Lehrer bereits aussuchen können

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Bei Neueinstellungen können Direktoren schon jetzt mitreden.

Direktoren sollen sich ihre Lehrer selbst aussuchen können – die Forderung von Bildungsministerin Sonja Hammerschmid klingt revolutionär. Dabei ist es das gar nicht. Bei Neuanstellungen ist es mittlerweile vielerorts üblich, etwa in der Steiermark, wo das EDV-Programm „get your teacher“ entwickelt wurde. 45 AHS und 51 berufsbildende höhere Schulen nutzen das dort seit 2014. Für Wien wurde es ebenfalls adaptiert.

Einer der Pioniere war das BORG Landstraßer Hauptstraße in Wien. Direktor Franz Dvoran erklärt, wie es funktioniert: „Wir melden über die Plattform dem Stadtschulrat, für welches Fach und für wie viele Stunden wir Pädagogen benötigen und welche Zusatzqualifikationen wir wünschen. Zudem können wir angeben, falls wir bereits jemanden für die Stelle im Auge haben.“

Win-Win-Situation

Früher wurden die Stellen ausschließlich über die Landesschulräte vergeben. Das hat sich laut Dvoran geändert: „Jetzt haben wir eine Win-Win-Situation. Die Behörde muss in Zeiten des Lehrermangels nicht suchen, und die Schule kann jemanden auswählen, der zu ihr passt. Jeder Standort hat ja seinen eigenen Spirit. Da harmoniert nicht jeder Lehrer mit jeder Schule und umgekehrt.“ (siehe unten) Das Auswahlverfahren gilt wie gesagt nur für Neueinstellungen. Hat ein Lehrer eine Fixanstellung, wird ihn der Schulleiter nicht so leicht los. Mehr noch: Auch bei Neueinstellungen wird ein fix angestellter Pädagoge gegenüber einem Junglehrer bevorzugt.

Trotz des neuen Systems müssen sich alle Lehrer nach wie vor beim Stadtschulrat bewerben. Und das sei auch gut so, wie der zuständige Personalreferent Reinhard Gruden meint: „Wir müssen einen Überblick haben. Wenn jeder Lehrer sich nur an den Standorten bewerben würde, dauerte das ganze Procedere zu lange.“

Das sieht Pflichtschul-Gewerkschafter Paul Kimberger genau so: „Grundsätzlich bin ich nicht dagegen, dass Direktoren ein Mitspracherecht haben. Dass wir den Auswahlprozess komplett aufmachen, kann ich mir aber nicht vorstellen. Kleinstschulen können das ja gar nicht bewältigen. Zudem muss gewährleistet sein, dass Standorte, die als besonders herausfordernd gelten, genügend Personal haben. Das Gleiche gilt für Schulen in entlegenen Regionen.“ Seine Idee: „Die Bildungsregionen – ähnlich den Bezirksschulinspektionen – sollen steuernd eingreifen, indem sie z. B. drei Vorschläge machen.“

Liste an Lehrkräften

In der Steiermark kennt man das Problem und hat bereits eine Lösung parat, so Landesschulratspräsidentin Elisabeth Meixner: „Wir geben Direktoren eine erweiterte Liste, welche Lehrkräfte sie zusätzlich kontaktieren können – bis jetzt sind alle Standorte mit ausreichend Personal versorgt worden. An einigen wenigen Schulen gibt es Sonderverträge für Menschen, die aus der Wirtschaft oder aus dem Kunstbereich kommen. Sie werden genau beobachtet, ob sie sich für den Lehrberuf eignen.“

Geht es nach Bildungsministerin Hammerschmid ist das alles erst der Anfang: „Zukünftig sollte das Auswahlverfahren direkt am Standort erfolgen. Wir müssen uns da eben ein System überlegen, wie man mit Doppelbewerbungen umgeht und wie gewährleistet ist, dass alle Schulen zu ausreichend Personal kommen.“

Und auch Gewerkschafter Kimberger kann sich mehr vorstellen, nämlich eine Plattform, die die Versetzungen von Lehrern organisiert.

Ein heißes Eisen wollen aber offenbar wenige so richtig ansprechen: Was tun mit den „Wanderpokalen“, also Lehrern, die niemand haben will. Kimberger streitet gar nicht ab, dass es auch das unter den 126.000 Lehrern gibt. „Die Lösung wäre eine Stiftung, in der diese umschulen können. Überhaupt wäre es wünschenswert, wenn ein temporärer Wechsel von Lehrern in die Wirtschaft möglich wäre – und auch umgekehrt.“

 

Direktor Dvoran will bei Finanzen und Öffnungszeiten mehr entscheiden können

„Mehr Autonomie wagen“ ist das Motto von Bildungsministerin Sonja Hammerschmid. Doch was heißt das in der Praxis? Welche Entscheidungen werden besser am Standort getroffen  und welche besser in den Behörden? Darüber haben sich viele Schulleiter bereits Gedanken gemacht, wie Franz Dvoran vom Wiener Direktorenverein sagt. Wichtigster Punkt: „Weil jede Schule ihre eigene Kultur und ihre Schwerpunkte hat, würden wir gerne selbst  entscheiden, wer bei uns unterrichtet. Das heißt auch, dass wir Lehrer, die  nicht zum Standort passen,  nicht an der Schule halten müssen. Die dienstrechtlichen Angelegenheiten sollten da aber nach wie vor beim Stadtschulrat liegen, wie das bei großen Konzernen  üblich ist, wo sich ein Personalbüro genau darum kümmert.“

Es geht aber nicht nur um die Pädagogen. „Pädagogik ist heute viel mehr als nur im Klassenzimmer zu stehen und zu unterrichten. Für einen guten Lernerfolg braucht es Unterstützungspersonal  – angefangen von Sozialarbeitern über Krankenschwestern bis hin zu Psychagogen.  Hierfür müsste es zusätzliche Ressourcen geben.“

Billiger wird es durch die Autonomie also nicht. Im Gegenteil: „Wer Schulen mehr Verantwortung überträgt, muss ihnen hierfür Mittel geben, etwa  für Pädagogen, die  in der Schulentwicklung arbeiten, oder für  Verwaltungspersonal. Hier wurde in den vergangenen Jahren  sehr gespart.“ Auch ein mittleres Management sei nötig, das etwa bei der Personalauswahl mitentscheiden kann, oder  wenn es darum geht, herausragenden Lehrern einen Bonus zu geben – das sei derzeit kaum möglich.

Sparen könne man durchaus – aber so, dass man eingesparte Ressourcen für die Schule verwenden kann. Ein Beispiel: „Derzeit gibt es fixe Teilungszahlen, ab welcher Klassengröße in Englisch die Schüler in Gruppen aufgeteilt werden. Das könnte man lockern und die freigewordenen Stunden für etwas anderes nutzen“, schlägt er vor.

Überhaupt solle die ganze Schulorganisation freier gestaltbar sein, etwa ob Unterricht fächerübergreifend in Blöcken bzw. in Doppel- oder Einzelstunden angeboten wird. Auch scheinbar triviale Dinge wie Öffnungszeiten könnte man sich  vor Ort im Schulgemeinschaftsausschuss ausverhandeln.

 

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