Wie Skateboarding die Modewelt verändert

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Von der Straße auf die internationalen Laufstege – Wie der Lifestyle der Skateboarder die Modewelt inspiriert und verändert.

Die Sonne senkt sich magentafarben über dem Wiener Heldenplatz. Touristen mit Selfiesticks schlendern vom Volksgarten Richtung Hofburg. Vorm äußeren Burgtor sitzt eine Gruppe Burschen auf Skateboards und trinkt Dosenbier. Einige kommen gerade aus der Arbeit, manche von der Uni, andere kommen einfach so hierher.

Unter ihnen: ein Typ in weitgeschnitten Dickies-Arbeiterhosen, schulterlanges Haar, altes 90er-Nike-Kapperl auf dem Kopf. Er rollt los auf dem Skateboard Richtung Stufen, setzt zum Trick an. Geldtasche und Handy hat er vorher abgelegt, die stören nur. Er geht in die Knie. Bereitet sich auf den „Pop“, den  Absprung vor.

 

 

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Um seine Hüfte läuft – Gürtel würde nur einengen – ein einfaches Schuhband. Springt ab, über die ganze Stiege, landet. Trick erfolgreich gestanden. Passanten drehen sich nach ihm um. Die Kollegen klopfen mit Skateboards auf den Betonboden. Szenenapplaus.

Nicht nur der junge Skater am Heldenplatz trägt lieber Schuhband als Gürtel, die Szene der Brettartisten macht das seit Jahrzehnten so. Was neu ist: Inzwischen produzieren nicht nur Szene-Labels sondern auch weithin etablierte Modemarken wie Acne Studios Mode und Accesoires im Skater-Look. Etwa einen Schuhbandgürtel aus Kalbslederum satte 130 Euro.

Nur ein Beispiel für den stetig wachsenden den die Skateboarding-Subkultur momentan genießt.

 

Wien ist hipper geworden

Die Bundeshauptstadt steht international nicht mehr nur für Hochkultur. Auch in Sachen Streetwear-Szene hat sich viel getan. Hervorragend ersichtlich am Mikrokosmos des siebten Gemeindebezirks. Hier betreibt Michael Paul, grau melierter Bart, kurze Jeanshosen, den Skatewearshop Stil Laden. Seit mittlerweile 11 Jahren.

Was sich in dieser Zeit in der Stadt verändert hat? „Wien ist hipper geworden. Viele coole Läden haben aufgesperrt. Weil’s ein Bedürfnis gibt nach modernen, interessante Labels und Shops.“

Die erste Skateboardwelle brach Ende der 80er über Österreich herein. Damals war die Szene überschaubar, das Skate-Equipment teuer und nur in Amerika erhältlich. Vor allem die gut situierten Wiener Kids waren damals Skater.

Heute sei das ganz anders, erklärt Paul. Kleidung und Ausrüstung sind dank vieler Shops und dem Internet überall verfügbar und günstiger. Das schlägt sich auch in der Wiener Szene nieder. „Beim Skateboarden kommen die Lehrlinge und die Kids aus dem 19. Bezirk zusammen. Da gibt’s dann keine Unterschiede mehr.“

Philipp Ikrath sieht das anders. Er arbeitet am Institut für Jugendkulturforschung in Wien. „Die Skateboard-Szene in Wien ist großteils eine Mittelschichtsangelegenheit, es gibt viele Gymnasiasten. Anders als es auf den ersten Blick den Anschein hat, konzentriert sich das in bestimmten sozialen Milieus.“

Interaktive Grafik: klicken Sie sich durch die aktuellen Skate-Modetrends

 

So aussehen, als könnte man skaten

Die Szene in Wien ist nach wie vor klein. Der Kern: vielleicht ein paar Hundert Leute, großteils männlich. In den letzten Jahren hat sich allerdings etwas verändert. Viele wollen so aussehen, als könnten sie skaten.

Jugendkulturforscher Ikrath: „Die sind vielleicht noch nie auf einem Brett gestanden, finden aber den Modestil super. Denn beim Skaten geht’s nicht allein ums Kompetitive, das Können. Der Sport hat auch eine stark ästhetische Komponente, vergleichbar mit Turmspringen oder Eiskunstlauf.“

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Frage an den Geschäftsmann Michael Paul, während ein junges Paar mit Kinderwagen ins Geschäft kommt: Welche Gruppe trägt in Wien Skate-Fashion?

„Seit ein paar Jahren kommen sehr junge Kunden. Etwa ab 16. Die sind extrem gut informiert, was Mode betrifft.“ Der Skateshop-Inhaber stellt auch ein Revival bei Mittdreißigern fest: „Die haben in ihrer Jugend geskatet und merken jetzt, dass der Style gut passt.“

Oft zieht es die Kreativen in der Skateboard-Szene in andere Branchen. Doch die Skateboard-DNA tragen sie weiter in sich. So haben viele Verantwortliche bei Modehäusern wie Dior, OAMC oder Versace früher selbst geskatet.

 

„Was ich von Skateboarding gelernt habe? Die Dinge anders zu machen. Du hast keine Ahnung, wie du etwas hinbekommst. Dann versuchst du es trotzdem und lernst, während du versuchst“, erzählt Spike Jonze einmal in einem Interview. Als Jugendlicher filmte der Hollywood-Regisseur Skatevideos, in den 90ern drehte er für die Beastie Boys und heute ist er in Hollywood angekommen.

Liebe Modewelt, mach dir keine Sorgen

Offensichtlich wird der Einfluss von Skateboarding auf die Modewelt auch bei Hosentrends. Vor einigen Jahren waren diese bei Skatern noch sehr eng geschnitten. Dies griffen Marken wie Helmut Lang auf. Michael Paul: „Jetzt tragen Skater wieder weitere Hosen. Und ich wette, das wird nächstes Jahr auf den Fashion-Laufstegen auch so sein.“

Und falls dem tatsächlich so sein wird, die Skater-Jungs vom Heldenplatz haben bereits das passende Bonmot parat:

„Liebe Modewelt, mach dir keine Sorgen. Wir liefern dir den nächsten Trend. Dein Skateboarding.“

 

 

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