„Ein Dirndl ist sogar sehr emanzipiert“

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Verstaubt, konservativ, rechts? Tracht ist für alle da, sagt Unternehmerin Gexi Tostmann. Das sind die Trends.

Trotz steigender Beliebtheit konnte das Dirndl sein antiquiertes Image bisher nicht vollständig ablegen: Wer Tracht trägt, denkt konservativ, wählt rechts und bevorzugt klassische Rollenbilder, so das gängige Klischee. Umso überraschender, dass sich eine der erfolgreichsten Trachtenunternehmerinnen Österreichs im Rahmen der parteiunabhängigen Initiative „Es bleibt dabei“ für den gänzlich untrachtigen Alexander Van der Bellen einsetzt. Gexi Tostmann, Jahrgang 1942 und nach eigenen Angaben leidenschaftliche Alt-68erin, liegt viel daran, Dirndl & Co. zu „entstauben“ und, vor allem, zu entpolitisieren. Ihr Credo: „Tracht ist für alle da. Was kann das Dirndl dafür, dass es von den Nazis politisch missbraucht wurde?“

Ökologisch

Als ihre Mutter kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das Unternehmen gründete, befürchtete sie, die Zeit des Dirndls sei vorbei. „Natürlich, bei den Intellektuellen hat es gelitten. Wer Tracht trug, war entweder verstaubt, rechts oder ein Tölpel.“

Heute ist Tostmann froh, dass auch die Jugend – dank günstiger Angebote verschiedener Modehäuser – Zugang zum traditionellen Gewand hat. Und zwar unabhängig von ihrer politischen Einstellung. Denn grüne Politik und Dirndlkleid, das sei überhaupt kein Widerspruch, sagt Tostmann: „Ein Dirndl ist das Gegenstück zur Wegwerfkultur: Es kann von Generation zu Generation weitergegeben werden, ist nachhaltig und ökologisch. Also sogar ziemlich zukunftsweisend.“

Auch den Vorwurf, das Dirndl sei unfeministisch, will Tostmann so nicht stehen lassen. „Das Dirndl hat so viele Nuancen, da ist für jeden etwas dabei.“ Als junge Frau in den Siebzigern habe sie etwa tief dekolletierte Trachtenkleider abgelehnt. „Das Dirndl ist sogar ein sehr emanzipiertes Kleidungsstück – ein Ja zur Frauenkultur.“

Für die Südtirolerin Elsbeth Wallnöfer, Volkskundlerin und Philosophin, ist das Dirndl „nach wie vor sehr politisch“ – aber nicht nur. In ihren Augen gebe es zwei Strömungen: Den popkulturellen Hype, der vor allem am Oktoberfest und anderen hip gewordenen Volksfesten, immer öfter auch im urbanen Raum, sichtbar wird; und die Tracht als Symbol nationaler Bedeutung. „Politiker wie Strache knüpfen an die Politisierung der Tracht an. Wenn sich jetzt auch grüne Politiker in Tracht zeigen, obwohl sie diese stets abgelehnt haben, ist das nicht authentisch. Es wirkt eher wie eine hilflose Geste, Wähler zu erreichen.“

Den gänzlich unideologischen Trachten-Hype beim jungen Publikum sieht Wallnöfer positiv. „Vorher war das Dirndl nur politisch. Jetzt ist es demokratisch geworden.“

Stilbewusst

Demokratisch, politisch – und natürlich auch modisch. Was also macht sich heuer auf der Wiesn besonders gut? Geht es nach Österreichs Trachtenexpertin Lena Hoschek, gibt es beim Dirndl in Wahrheit keine saisonalen Trends. Die Anforderungen seien Jahr für Jahr dieselben: eng am Oberkörper, weit schwingender Rock, schön gebundene Schleife. Carmenblusen und Polyester dürfen im Schrank (oder gleich im Geschäft) bleiben; besonders schick sind 2016 Rosenprints und Seidenjacquards.

Ins Haar passen handgefertigte Blumenkränze in herbstlichen Beerentönen (auch hier gilt: bitte kein Plastik) oder, neuerdings, die „Goldreifen“ der Designerin Niely Hoetsch – eine Hommage an die uralte österreichische „Goldhauben“-Tradition. Manchmal hilft eben schon ein moderner Gedanke, um einen Klassiker von seinem verstaubten Image loszulösen.

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