Der Maasterplan von Rotterdam

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Im Zweiten Weltkrieg wurde die niederländische Metropole fast vollkommen zerstört, heute zählt sie zu den sehenswertesten Städten der Welt. Ein Grund ist die vielfältige Architektur, deren Experimentierlust bis zur Gegenwart ungestillt ist.

„Den Euromast sollten Sie nicht verpassen“, sagt Nikola und deutet nach rechts. Es ist ein Aussichtsturm, wie er in Wien nach der Donau benannt ist. Lange Zeit war der Betonbau tatsächlich ein Wahrzeichen von Rotterdam. Was bei der restlichen Fahrt ins Auge sticht, ist aber um einiges interessanter. „Es gibt wirklich viel zu sehen“, meint der Taxifahrer, fast schon entschuldigend für seinen ersten Tipp. Er lenkt sein Auto auf die Erasmusbrücke, die den Norden mit dem Süden verbindet. Der weiße Stahlpylon, der in der Mitte der Konstruktion in die Höhe ragt, bildet die abstrakte Figur eines Schwans. Dementsprechend wird das Ingenieurskunstwerk von Ben van Berkel auch genannt.

Es ist ein Symbol. Ein Symbol für so vieles, was die zweitgrößte Stadt der Niederlande charakterisiert. Ein Bekenntnis zur Moderne, ein Fundus an Assoziationen, ein Ausdruck weitsichtiger und mutiger Stadtplanung, wie er beispielgebend sein kann. Und die Klugheit, Neues und Bestehendes zu vereinen. Mit dem „Schwan“ entstand eine Verbindung zwischen Zentrum und Kop van Zuid – einem Stadtentwicklungsgebiet, das das ehemalige Hafengebiet von Verwahrlosung und Kriminalität befreien und schließlich mit neuem Leben füllen sollte.

Ein Überblick über die wichtigsten Bauwerke:

Ende der 1980er-Jahre wurde ein Konzept ausgearbeitet, 1996 die Brücke eröffnet, 2000 Norman Fosters „World Port Center“ finalisiert. Der halbrunde Büroturm des britischen Stararchitekten, der auch einen Masterplan für das Viertel beim Fluss Neue Maas entworfen hat, war eines von jenen Gebäuden, die eine neue Ära eingeläutet haben. Mittlerweile stehen hier spektakuläre Resultate renommierter Baukünstler: Alvaro Sizas Wohnturm „New Orleans“, Renzo Pianos „KPN-Tower“, das Appartementhaus „Montevideo“ von Mecanoo. Und natürlich „De Rotterdam“ des hier geborenen Rem Koolhaas und seinem Office for Metropolitan Architecture: Ein Hochhauskomplex mit drei Türmen, die nicht geradlinig in die Höhe ragen, sondern versetzt konstruiert laut Gestaltern eine „vertikale Stadt“ bilden sollen. Das gewünschte „Manhattan an der Maas“ hat Formen angenommen, man könnte allgemein von einem „Maasterplan“ sprechen.eerstehende Gebäude sind wesentlicher Bestandteil der Stadtplanung.

Leerstand wird mit innovativen Nutzungskonzepten bekämpft.

Ein Ende der Neubauten am Wasser ist nämlich kaum in Sicht – aber nicht nur dort. Rotterdam ist ständig in Bewegung, ungenutzte Industriebauten, Lagerhallen und leer stehende Gebäude werden von Kreativen bespielt oder zu Wohn- und Arbeitsplätzen transformiert. Oft wird dabei vorbildlich mit dem Bestand gearbeitet. Es herrscht Aufbruch und ständige Weiterentwicklung, die auch dem Reiseführer „Lonely Planet“ nicht entgangen ist: Die Macher wählten die Stadt heuer zu den zehn sehenswertesten der Welt. Rotterdam sei eine „Freiluft-Galerie von moderner, postmoderner und zeitgenössischer Architektur“. Und tatsächlich sind es nicht die klassischen Sehenswürdigkeiten, die man in einer europäischen Metropole zu erwarten glaubt.

Die ehemalige „Van-Nelle-Fabriek“ ist nun ein Bürohaus.

Die von Leendert van der Vlugt visionär geplante Kaffee-, Tee- und Tabakmanufaktur „Van-Nelle-Fabriek“, bei dessen Gestaltung Licht, Luft und Raum eine wichtige Rolle spielte, war ein Pionierprojekt. Nach einer behutsamen Renovierung wird sie heute als Büro und Veranstaltungsort genutzt. Gleichfalls beeindruckend ist das von seinem Studio entworfene, progressive „Huis Sonneveld“. Ein ausgedehnter Spaziergang durch die breit angelegten Straßen der Stadt ist wie eine „Architektour“, bei der verschiedenste Baustile und -werke zu besichtigen sind. Vom „Witte Huis“, Europas erstem Wolkenkratzer mit pittoresker Jugendstilfassade, bis zu Piet Bloms Kubushäusern aus den 80er-Jahren. Der holländische Architekt fasste die Konstruktion als städtischen Wald auf: mit einem Stamm aus Stahlbeton und einer Krone, in der die Wohneinheit untergebracht ist. Die fünfzig würfelförmigen Bauten mit je drei Etagen säumen die wohl spektakulärste Fußgängerbrücke Europas.

Ein ikonisches Werk gelang auch Winy Maas und seinem Architekturbüro MVRDV mit der Markthalle, einen Katzensprung von Bloms Kuben entfernt. Im U-förmigen, 2014 eröffneten Bau mit gigantischer Glasfront und 11.000 großem Deckengemälde finden rund hundert Händler Platz. Damit die Gentrifizierung nicht mit voller Härte zuschlägt, wurde im Untergeschoß ein Supermarkt errichtet. An der Außenhülle sind Wohnungen untergebracht, einige mit direktem Fensterblick in das kulinarische Geschehen.

76 Jahre nach dem Wiederaufbau zeigt sich die Stadt moderner denn je.

Die Einstellung, sich nicht unterkriegen zu lassen und Visionen zu verfolgen, half beim Wiederaufbau nach dem Bombardement 1940, das die Stadt in Schutt und Asche gelegt hat. Und sie ist heute noch spürbar: Die Einheimischen verstehen sich als „Anpacker“, dementsprechend wuselt es nur so vor Ideen. Eine der spektakulärsten ist das „Dutch Windwheel“, das in Europas größtem Hafen bis 2025 entstehen soll. Bei diesem Windrad handelt es sich um einen 174 Meter hohen Bau, der zum Ziel hat, mehr Energie zu erzeugen als zu verbrauchen. Im inneren Ring werden Apartments, Gewerbe und Gastronomie, im äußeren eine Art Riesenrad untergebracht sein, das die Besucher in Kabinen bis unters Wasser transportiert.

Spricht man mit den Bewohnern, hört man immer wieder, wie sehr sich Rotterdam verändert habe. Mit allen Konsequenzen: Höhere Mieten, stärkere Konkurrenz am Jobmarkt, Touristenansturm. Aber eines ist geblieben: das Attribut einer aufregenden Stadt.

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