Tolle Hütten: Vom Leben auf dem Berge

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Die Faszination des Berges versteht man erst, wenn man über Nacht bleibt. Ein Hüttenwirt erzählt.

Nach dem Abendessen gehen immer ein paar vor das Haus. Sie ziehen an einer Zigarette oder halten sich an ihrem Glas fest, dessen Inhalt minütlich kälter wird. Sie reden leise, schauen zu den inflationären Sternen oder gegen eine Mond-beschienene Felswand. Dann spürt man die Mächtigkeit, heroben zu sein, den Bergtag nicht im Tal beendet zu haben.

Seit Jahren hält der Alpin-Boom an, viele wollen in die Berge, als Kletterer, als Wanderer, als Mountainbiker. Aber nur ein Bruchteil bleibt oben, die meisten machen Tagestouren. Dabei begreift man die Magie des Berges am besten abends, nachts und morgens. Paul Pranger kennt sich damit aus, er ist seit 54 Jahren da oben. „Es ist anders hier. Oft können Leute in der ersten Nacht gar nicht schlafen – wegen der Ruhe.“ Der Hüttenwirt des Padasterjochhauses (www.padasterjochhaus.at) in den Stubaier Alpen oberhalb des Gschnitztals kam im 9. Lebensjahr auf die Hütte auf 2232 Meter Seehöhe, als sie sein Vater 1962 übernommen hat. Heute ist Pranger 63 und selber in seiner 40. Saison als Hüttenwirt. „Ich freue mich aber noch immer an Tagen mit Traumwetter und 100 Kilometer Fernsicht. Da weiß man, wie schön es ist. Nur vergessen die Leute, dass ich bei schlechtem Wetter auch da bin.“ Sagt der Pranger Paul mit einem Lachen. Sicher, man müsse es mögen, 24 Stunden hier zu sein und das Leben auf eineinhalb Sternniveau zu schrauben. „Aber mir geht nix ab. Nur wenn das Wetter eine Woche lang schlecht ist, muss man sich mit Sinnlosem die Zeit totschlagen. Und irgendwann gehen einem selbst die Sinnlosigkeiten aus.“

Das Wetter ist für Hüttenwirte wie der beste Freund. Mit dem man regelmäßig Schluss macht.

Hüttenvielfalt

Die Entbehrungen des Hütten-Daseins drücken sich in vielem aus. Und unterscheiden sich durch den Charakter der Hütten. Von keine Dusche über kalte Dusche bis Münzdusche. Von trinkseliger Hüttengaudi über gemäßigte Gemütlichkeit bis 21.30-Uhr-Hüttenruhe.

Auf Bergsteigerhütten spürt man die Fokussierung jener, die morgen früh auf einen Gipfel wollen. Etwa auf der Erzherzog-Johann-Hütte. Die höchste Hütte des Landes (3454m) liegt nur 344 Höhenmeter unter dem Großglocknergipfel und dient vielen als Ausgangspunkt. Dann gibt es Ausflugshütten – die eindrucksvollste ist das (Franz-Eduard-)Matras-Haus auf dem Gipfel des Hochkönigs (2941m). Es thront auf den Berchtesgadener Alpen, einen knapp sechsstündigen Gewaltmarsch vom Arthurhaus entfernt. Und da hat man wieder die Vielfalt: Unten das Berggasthaus im Murmeltierkitsch, oben die Gipfelburg. Beides sind Berghütten.

Die Kultur der alpinen Quartiere mischt sich oft durch: Auf dem Weg zum Hohen Sonnblick geht man an den Naturfreunde-Häusern Kolm-Saigurn und Neubau vorbei, alpine Urlaubsquartiere, dann an der kleinsten Alpenvereins-Hütte – Rojacherhütte mit zehn Schlafplätzen) – und erreicht schließlich das Zittelhaus, die höchstgelegene Hütte des Österreichischen Alpenvereins neben dem Observatorium Sonnblick.

Am anderen Ende der Palette stehen junge Hütten, moderne Ideen mit visionärer Technik. Der Alpenverein baute in diesem Sinne gerade das Annaberger Haus neu (1377m im Ötscherland). Das Schiestlhaus auf dem Hochschwab setzte vor Jahren als Passivhaus neue Maßstäbe, im kürzlich sanierten Karl-Ludwig-Haus auf der Rax (1804m) geht der Touristenklub ÖTK mit dem Pächter einen Bioweg in der Gastronomie. Die Ausrichtung der Hütten ist mit den Eigentümern eng verbunden, im Wesentlichen sind das Alpenverein, Naturfreunde und der ÖTK (siehe Zusatzgeschichte).

Ruhe und Arbeit

Prangers Padasterhochhaus ist die höchstgelegene und älteste Hütte der Naturfreunde, nächstes Jahr wird es 110 Jahre alt. Vieles ist in Originalzustand, seit es eine Zufahrtsstraße gibt, kommen sehr oft Mountainbiker, aber vor allem ist es hier ruhig, sagt Pranger: „Diese gewisse Idylle kann ich dem Gast nur hier bieten. Gäste, die vom Stubaital zu uns kommen, wo Hütten 100 Nächtigungen am Tag haben, wundern sich über die Ruhe hier.“ Mehr als 25 Tagesgäste sind beim Pranger selten.

Solche Szenarien bringen Menschen oft auf die Idee, als Hüttenwirt auszusteigen. Nur dass es eben kein Ausstieg ist. Hüttenwirte müssen gastronomisches, betriebswirtschaftliches, technisches und alpines Verständnis mitbringen. Dazu den Willen, über Monate rund um die Uhr zu arbeiten und Flachländern auf urige Art erklären, wie denn das Wetter morgen werden wird.

Darüber lacht der Pranger. „Ich kann auf diese Frage keine gescheite Antwort mehr geben. Das Wetter ist ja inneralpin sogar von Tal zu Tal ständig verschieden.“ Aber das gehöre eben dazu. Wie die Frage, ob hier alles hausgemacht ist. „Ehrlich: Im Tal fragt das keiner, aber auf 2000 Meter, wo Wasser- und Stromversorgung und alles 20 Jahre rückgeschraubt sind, wollen sie es.“ Ja, das meiste sei hausgemacht. Vor allem wird alles frisch gekocht, da oben. „Und so lange ich etwas zu sagen habe, wird es nie Pommes rotweiß hier geben.“ Sagt der Paul. Der neben der Hütte einen Golfabschlagplatz installiert hat, weil er selber gerne golft. So vielfältig ist das Land der Hütten.

 

Alpine Vereine: Nirgendwo auf der Welt gibt es ein vergleichbares Konzept bewirtschafteter Bergquartiere.

Als erste Schutzhütte der österreichischen Alpen gilt die Salmhütte auf der Kärntner Seite des Großglockners. Sie wurde 1799 für die erste Glockner-Bezwingung gebaut, Geld- und damit Namensgeber war Fürstbischof Franz Xaver von Salm Reifferscheid. Ähnliche Geschichten gibt es zu vielen Hütten der Alpen – Adel und Bürgertum forcierten deren Errichtung. Heute sind die Alpen durch diese Infrastruktur ein weltweit einzigartiges Bergsteiger- und Wandergebiet. Die Hütten sind Stützpunkte alpiner Vereine und haben Schutzfunktion.

Die meisten Hütten besitzen die Sektionen des Alpenvereins AV (www.alpenverein.at): Neben dem österreichischen Verein mit 232 Hütten (164 davon bewirtschaftet), ist der deutsche DAV sehr aktiv. Weil die bergaffinen Nachbarn kaum hohe Berge haben, stellen sie gut zwei Drittel der Hütten in Westösterreich. Gemeinsam kommen die Sektionen des ÖAV und DAV, die auch oft namensgebend für die Hütte sind, auf 420 Hütten in Österreich.

Der Österreichische Alpenklub  (www.alpenklub.info) besitzt zwar nur eine Hütte, dafür aber die höchste: Die  Erzherzog-Johann-Hütte am Großglockner.

Unter den 48 bewirtschafteten Hütten des Österreichischen Touristenklubs (www.oetk.at) sind einige  Schmankerln. Das Schiestlhaus am Hochschwab ist etwa das erste hochalpine Passivhaus (2154 Meter) und seit der Errichtung Objekt hitziger Diskussionen, wie gut sich „modern“ und „Berg“ vertragen.

Mit 150 Hütten sind die Naturfreunde (www.naturfreunde.at) der zweitgrößte Hütteneigner. Während sich der Alpenverein aus der Tradition höher gelegener Bergsteiger-Quartiere entwickelte, kommen die Naturfreunde aus der Wandertradition der Arbeiter. Ihre höchste Hütte ist das Padasterjochhaus (siehe oben).

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